Die Wurst ist in aller Munde – Conchita erobert Europa

Der Eurovision Songcontest ist ein Phänomen. Er vereint Europa und sorgt für die besten, skurrilsten und witzigsten Musikbeiträge des Jahres. Heute findet der 59. ESC in Kopenhagen, Dänemark, statt – und Österreich hat nach 48 Jahren die Chance auf den Sieg. Österreichs möglicher Aufstieg aus der Asche.  Willkommen im perfekten Europa Dienstag, 21 Uhr: Das […]

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Der Eurovision Songcontest ist ein Phänomen. Er vereint Europa und sorgt für die besten, skurrilsten und witzigsten Musikbeiträge des Jahres. Heute findet der 59. ESC in Kopenhagen, Dänemark, statt – und Österreich hat nach 48 Jahren die Chance auf den Sieg. Österreichs möglicher Aufstieg aus der Asche. 

Willkommen im perfekten Europa

Dienstag, 21 Uhr: Das erste Semi-Finale wird eröffnet. Gemeinsam mit der Gewinnerin des Vorjahres, Emmelie de Forest, singen hunderte Fans virtuell den Siegerhit „Only Teardrops“ (siehe Video unten). Bereits der Beginn des Songcontest vermittelt etwas Magisches. Diese Magie hält sich die ganzen zwei Stunden über. Der ESC verbindet die Nationen und stellt – zumindest vorübergehend – Konflikte in den Schatten. Er erweckt den Anschein, als wäre Europa ein Kontinent ohne Probleme. Doch schnell wird klar, dass hinter der glänzenden Fassade die Realität besteht, etwa, wenn die russischen Teilnehmer ausgebuht werden nachdem klar wird, dass sie es unter die Top 10 des ersten Halbfinales geschafft haben.

Der ESC ist trotzdem jedes Jahr etwas Besonderes – und dieses Jahr noch dazu mit einer ganz besonderen Teilnehmerin am Start. Die Rede ist von Conchita Wurst, dem österreichischen Beitrag.

Eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens

Donnerstag, 21 Uhr: Das zweite Halbfinale beginnt, musikalisch nicht so stark wie noch vor zwei Tagen. Bis SIE kam, sang und siegte. Conchita Wurst hat Europa schlichtweg verzaubert: Eine Frau mit Bart mit dem Ziel gegen Homophobie und für Toleranz aufzutreten.

Im Vorfeld wurde viel über sie diskutiert, von vielen wurde sie kritisiert, beleidigt und beschimpft. Doch sie blieb stark und hat es allen gezeigt. Diese Einstellung hat sich bezahlt gemacht. Binnen drei Minuten hat es das Stimmwunder mit einem Song im James Bond-Stil geschafft, Europa von sich zu überzeugen und zum Favoriten des zweiten Halbfinales aufzusteigen.

Warum muss man Conchita einfach lieben?

Wer beim Songcontest überzeugen will, muss polarisieren. Das schafft Conchita wie keine andere oder haben Sie schon zuvor eine junge Dame mit Bart im goldenen Kleid singen gesehen? Ihr Persönlichkeit steht für sich, deshalb braucht ihr Auftritt keine große Bühnenshow. Conchita soll im Mittelpunkt stehen. Lediglich die LED-Wand im Hintergrund erweitert ihre Performance mit Feuerflügeln, passend zum Songtitel “Rise Like a Phoenix”.

Sprechöre, die „Austria“ schreien sind nach ihrem Auftritt in der Halle zu hören, der Applaus bei ihrem Beitrag am größten. Selbst die Moderatoren lieben Conchita, bezeichnen sie als die „Queen of Austria“. Die Wurst ist einfach in aller Munde.

Aber warum liebt man sie? Sie ist einzigartig. Sie ist anders. Sie ist authentisch und man hat den Drang, das Gegenteil von sich ins Herz zu schließen, quasi das Yang zum Yin zu finden. Wir leben zwar im Jahr 2014, doch von voller Gleichberechtigung und Toleranz kann man immer noch nicht sprechen und genau darauf möchte Frau Wurst aufmerksam machen. Wir lieben sie, weil wir nicht sind wie sind, weil wir in ihr Chancen sehen, Chancen auf ein Miteinander – in Zeiten von Krim-, Wirtschafts- und Finanzkrisen eine wichtige Botschaft für ein gemeinsames Miteinander und ein gemeinsames Europa.

12 Points für Platz 11: Ein Favorit

Und weil Conchita einfach auffällt, sind Zeitungen, Nachrichten, ja das ganze Internet voll mit ihrem Gesicht. Sie sorgt für Aufmerksamkeit. Der mediale Rummel als entscheidender Vorteil für heute Abend? Man wird es sehen.

Nachdem Conchita Wurst vor dem zweiten Semi-Finale mit Wettquoten von 1:23 auf den Sieg beziffert wurde, brach dieser Kurs bis nach der zweiten Show auf 1:4 ein. Damit teilt sich der Österreich-Beitrag nun – zumindest bei den Wettanbietern – den ersten Platz mit dem schwedischen Song „Undo“ von Sanna Nielsen. Alles nur Spekulation! Erst in wenigen Stunden wird sich zeigen, wie weit Österreich tatsächlich kommt.

Es ist ja überhaupt eine Leistung für Österreich in das große Finale aufzusteigen und unter die 26 besten Teilnehmer (20 aus den beiden Halbfinali, die „Big Five“ und das Gastgeberland) zu kommen. Doch Conchita legt mit ihrer Favoritenrolle die Erwartungen noch höher.

Einige Journalisten haben beim gestrigen Jury-Finale (das zur Hälfte zum Gesamtvoting zählen wird) bereits vernommen, dass Conchita auch bei den Profis und Experten sehr gut ankommt und hoch im Kurs steht. Starten wird der “österreichische Phönix” auf Platz 11, direkt vor dem –  zu wenigen geschätzten – Beitrag unserer deutschen Nachbarn („Is it right“ von Elaiza).

Was machen wir, wenn wir gewinnen?

Dass Österreich ein mehr oder weniger großes Problem hat, sollte Conchita Wurst den Sieg ins eigene Land holen, muss hingenommen werden. Eine passende und vor allem von der Größe ausreichende Veranstaltungshalle gibt es hierzulande (noch) nicht. Das soll aber nicht das Problem der aktuellen Stunde sein.

Auf Twitter scherzte der kaufmännische Direktor des ORF Richard Grasl diesbezüglich bereits im Vorfeld. Auf den Tweet eines Users:

„Kann mir vorstellen, dass @richardgrasl sicherheitshalber schon mal eine Rücklage für #esc2015 anlegt  ;-)“

antwortet er salopp:

„Schon vorgesorgt. Kaufmännische Vorsicht ;-) #ESC14“

Wie sich Europa letztlich entscheiden wird, wird sich heute Abend zeigen (ab 20:15 Uhr ORFeins). Aber eines ist klar: Europa, wir sind bereit für eure „12 Points“! Conchita Wurst, unser Phönix, bereit für den Aufstieg aus der Asche. Aus der Asche, des viel zu lange vergessenen Könnens von Österreich beim ESC.

Ganz Österreich drückt Conchita Wurst die Daumen!

 

Zur Person

Hinter der Kunstfigur Conchita Wurst steckt der 25-jährige Thomas Neuwirth. 2006 nahm er an der dritten Staffel von Starmania im ORF teil. 2011 erscheint Neuwirth erstmals als Conchita Wurst bei der Castingshow „Die Große Chance“ und kommt bis ins Finale. Nachdem es im Jahr darauf beim ESC-Vorentscheid mit 49% nicht für die Teilnahme am Songcontest reichte, entschied der ORF im Herbst 2013, Conchita Wurst 2014 als österreichischen Beitrag zu entsenden.

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